Zeitzeugengespräch mit Maja Krapina in der KSL, 28.01.2014

Maja Krapina, die als Kind aus dem Minsker Ghetto fliehen konnte, hat die Liebfrauenschule besucht, um über Ihr Leben und Überleben zu erzählen. Eine interessante und sehr bewegende Begegnung der Klasse 9d und des Leistungskurses Geschichte im dritten Semester mit dieser starken Frau.


 Akrobatik als Lebensretter

Eine weißrussische Zeitzeugin erzählt Schülern von der NS-Zeit

Von Barbara Mayrhofer (Katholische Nachrichten-Agentur) 

Berlin (KNA) Maja Krapina steht trotz ihrer 78 Jahre athletisch gerade. Die schmalen Füße im akkuraten 90 Grad Winkel einer Ballerina. Ihre tiefrot gefärbten Haare hat sie zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden. Über der weißen Spitzenbluse trägt sie einen Blazer, an dem eine silberne Medaille befestigt ist. Diese erinnert daran, dass sie und ihr Mann seinerzeit die besten Akrobaten der Sowjetunion waren.

Der Sport hat Maja Krapina gerettet, als die Erinnerungen an die NS-Zeit sie zu überwältigen drohten. Davon ist sie überzeugt. Die Jüdin hat das Minsker Ghetto überlebt, in das über 100.000 Menschen aus Weißrussland und anderen europäischen Ländern eingesperrt wurden. Es wurde am 21. Oktober 1943 durch die Ermordung der meisten Gefangenen ausgelöscht.

Als die dunkelste Zeit ihres Lebens begann, war Maja Krapina gerade sechs Jahre alt. Die Akrobatik habe ihr später geholfen, die Geschehnisse zu verarbeiten, erzählt sie den Schülern der katholischen Liebfrauenschule am Dienstag in Berlin. Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk hat Maja Krapina eingeladen, anlässlich des Holocaust-Gedenktags in Berliner Schulen von ihrem Leben zu berichten.

Ihre Vergangenheit lässt die Geschichte greifbarer werden für diese Generation, die den Krieg und das Grauen des Nationalsozialismus nur aus Geschichtsbüchern kennt. Sachlich erzählt die kleine Frau die Fakten ihres Überlebens. Zusammen mit ihren Großeltern, Eltern und vier Geschwistern wurde Maja Krapina 1941 gezwungen, in das jüdische Ghetto ihrer Geburtsstadt Minsk umzusiedeln.

Überlebt haben außer ihr nur ihre Großmutter, die Schwester Valja und der älteste Bruder Iosif. Der damals Zwölfjährige konnte aus dem Ghetto fliehen und schloss sich einer Gruppe Partisanen, also sowjetischen Widerstandskämpfern, an. Um seine Schwester Maja zu retten, kehrte er jedoch nach Minsk zurück und befreite sie. Drei Tage lang marschierten die Geschwister mit anderen Kindern aus dem Ghetto in Richtung Partisanenzone. "Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, die hundert Kilometer zu Fuß zu gehen", sagt Krapina.

Im Dorf Porece werden die Kinder auf Partisanen und ihre Familien aufgeteilt. Maja Krapina, bis auf die Knochen abgemagert, die Haut dick mit Schorf überzogen und Läusen in den Haaren, wird von einer Frau mit Namen Anastasija Zinovevna Churs aufgenommen. "Sie war meine Rettung", erzählt Maja, und ihre Stimme wird zum ersten Mal brüchig. "Ohne sie wäre ich heute nicht mehr am Leben."

Wenn deutsche Soldaten ins Dorf kamen, versteckten sich die jüdischen Kinder und die Dorfbewohner im nahe gelegenen Sumpf. Die Schüsse und Schreie drangen dennoch bis zu ihnen. Bei einem "Marathon", wie sie es nannten, kann sich Maja Krapinas Bruder nicht rechtzeitig verstecken. Er wird nach Deutschland verschleppt und in einem Konzentrationslager inhaftiert.

Nach dem Ende des Krieges kommt Maja Krapina ins Waisenhaus. Überlebende Verwandte würden sie dort am ehesten finden, sagte ihre Retterin. Und tatsächlich, ihre Großmutter und ihre Schwester finden sie dort. Kurze Zeit später passiert das Wunder: Der verloren geglaubte Bruder Iosif Levina taucht in Uniform im Waisenhaus auf. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch sowjetische Truppen hatte er sich den Soldaten angeschlossen.

Der Krieg und das Grauen des nationalsozialistischen Regimes sind lange vorbei. "Doch die seelischen Wunden bleiben für immer", sagt Maja Krapina an diesem kalten Januartag in Berlin. Nach ihrem Schulabschluss hat sie studiert, ist mit ihrem Mann eine bekannte Akrobatin geworden und hat eine eigene Familie gegründet. Doch je älter sie wurde, desto mehr merkte sie: "Wir, die diese Hölle durchlebt haben, wollen uns von der Vergangenheit nicht trennen". Deshalb kommt Maja Krapina seit 1995 immer wieder nach Deutschland, um ihre Geschichte zu erzählen. Denn auch wenn die Aufregung vor so einem Treffen sie nicht schlafen lässt - der Wunsch, dass die Geschichte, ihre Geschichte, nicht in Vergessenheit gerät ist stärker.

 

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